Vorwort

Unsere Politik ist sprachlos. Sprachlos auf jene wortreiche Weise, wie es nur die Politik kann. Sprachlos angesichts der rudimenär-rhetorischen Breitseite, mit der Populisten jeglicher Couleur – von Donald Trump bis Marine LePen – unser gesamtes, über die Jahre aufgebautes demokratisches Gebilde in Grund und Boden zu schießen drohen. Etablierte Politik steht vor ihren Herausforderern, wie das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange.

 

Nur,... die Ursächlichkeiten sind genau umgekehrt: Die Schlange kann angreifen, weil das Kaninchen erstarrt ist. Trump und Co. schießen mit ihrer Polemik Löcher in die tragenden Wände des demokratischen Hauses, weil die etablierte Politik sprachlos ist! Das demokratische Haus ist ein Gebilde aus Ideen, das jeden Tag neu mit Leben gefüllt werden muss. Wer aber die Ideen nicht mehr so teilt, dass auch alle die Schönheit des Gebäudes zu würdigen wissen, der wird sich nicht wundern dürfen, dass die ganze Bude wie ein Kartenhaus zusammenbricht. Dasselbe gilt übrigens für das europäische Haus.

Da setzte Großbritanniens Premier Cameron ein Referendum zum Brexit an. Er war sich sicher, dass die Idee Europa genügend Überzeugungskraft hat, solchen Unsinn zu verhindern. Da trat Hillary Clinton als Kandidatin für die Präsidentschaft der USA an. Sie war sich sicher, dass ihre Erfahrung Argument genug sei gegen den Polit-Poltergeist Donald Trump. Und da verkündete Kanzlerin Merkel optimistisch „wir schaffen das“. Sie war sich  sicher, dass jedem einleuchten würde, dass eines der reichsten Länder der Erde und eine der stabilsten Demokratien die Herausforderungen der Flüchtlingskrise meistern würde. Und... zack!... war Großbritannien aus der EU, Trump im Weißen Haus und die AfD in einem Landesparlament nach dem anderen.

Das waren keine Siege von Rechtspopulisten. Das waren vor allem klägliche Niederlagen der etablierten politischen Kräfte! In allen drei Fällen hatten die Kräfte der Vernunft die unsägliche Unvernunft, nicht mit den Bürgern zu kommunizieren. Klar, sie haben geredet wie die Wasserfälle. Aber sie haben den Menschen nichts gesagt! Sie haben sich nicht die Mühe gemacht, zu begeistern. Vertrauen zu gewinnen. Emotionen wahrzunehmen. Sie zu verstehen. Und neue, positive Emotionen zu wecken.

Die immer wieder gestellte Frage im aktuellen politischen Zusammenhang lautet: „Wie können die so doof sein!?“ Wie können die US-.Amerikaner Trump wählen, 25 Prozent der Sachsen-Anhalter die AfD, eine Mehrheit der Polen die PIS Partei der Familie Kazcynski, die Russen Putin, oder die Türken einen Mann wie Erdogan? Das geschieht nicht, weil in den Köpfen zu wenig leistungsrelevante Masse wäre. Es geht nicht um doof! Es geschieht, weil das mit den Köpfen nichts zu tun hat! Ich habe in einem Interview einmal den früheren Stabschef des Weißen Hauses und Ex-Außenminister James Baker gefragt, was Ronald Reagan eigentlich so erfolgreich gemacht hat. Die Antwort war eine Lektion: „Because he made people feel good. Because he made America feel good!“ Weil er den Menschen und dem ganzen Land ein gutes Gefühl vermittelt hat.

Begeisterung, Vertrauen, Zuversicht. Optimismus. Offenheit. Toleranz. Das sind emotionale Zustände. Sie müssen geweckt werden, förmlich wach geküsst und dann muss man sie am Leben halten und bei Laune! Sonst werden sie zu Verdrossenheit, Misstrauen, Angst, Pessimismus, Verschlossenheit und Feindseligkeit. Wir können nicht darauf hoffen, dass die Vernunft uns unseren Optimismus bewahrt!

Wer Menschen, die Sorgen haben, sagt, „wir schaffen das“ agiert wie jener, der einem weinenden Kind sagt, „hör auf zu weinen!“. Heißer Tipp! Nützt aber nichts!

Der Fehler ist so alt, wie die Sprache: Wir gebrauchen unsere Köpfe um zu ersinnen, was wir sagen. Wir benutzen unsere Stimmen, um den Worten Ausdruck zu verleihen. Unsere Adressaten benutzen ihre Ohren, um uns zuzuhören. Und sie gebrauchen ebenfalls ihre Köpfe bei dem Versuch, zu verstehen, was wir sagen. Das klingt wie eine ziemlich kopflastige Übung. Das ist jedoch eine optische Täuschung! Verbale Kommunikation geht durch den Kopf, aber sie wirkt nicht im Kopf. Sie wirkt zuerst und direkt als Bauchgefühl.

Das gesprochene Wort wirkt emotional. Fakten unterstützen diese Emotionen, rechtfertigen und untermauern Standpunkte. Im Marketing nennt man das kognitive Resonanz. Sie finden das Auto einfach geil, deshalb kaufen Sie es. Der Hersteller weiß das, deshalb hat er das Ding so gebaut! Aber er gibt Ihnen gleichzeitig faktische Werte an die Hand, um Ihre rein emotionale Kaufentscheidung zu untermauern: Niedrige Verbrauchswerte, tolle Fahrleistungen, hohe Insassensicherheit und so weiter. So geben Fakten dem Bauchgefühl Vergleichbarkeit und damit die Möglichkeit, kommuniziert zu werden. Insofern sind Fakten natürlich wichtig. Aber nur als Instrumente.

Wenn ‚ich’ mit ‚Dir’ rede, wirkt das im Bauch. Das ist ganz persönlich, intim. Und es wird erst im nächsten Schritt im Kopf verarbeitet. Aber dann sind die wichtigen Entscheidungen, die „Bauchentscheidungen“, (...was für ein wunderbares Wort in einer Schlankheits-besessenen Welt!) bereits getroffen.

Politiker, Journalisten und auch Führungskräfte in unseren Unternehmen reden mit Menschen, deren Wirklichkeit wir nur bedingt teilen, die wir aber direkt beeinflussen. Wenn wir uns nicht der Mühe der Empathie unterziehen, drohen wir, wie der Blinde von der Farbe zu reden.

Der völlig an den Realitäten vorbei gezielte Umgang mit dem US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump, seinem Wahlkampf und seinen Erfolgsaussichten ist ein anschauliches Beispiel für die Selbsttäuschungen, derer die politische Maschinerie fähig ist. Von den Kandidaten und ihren Beratern über Journalisten bis hin zu den Meinungsforschern - alle lagen sie falsch. Die Einen konnten es nicht wissen, die Anderen wollten nicht und die Protagonisten selbst können ihr eigenes Glück kaum glauben. In den USA, im Großbritannien des Brexit, in Frankreich und auch in Deutschland operieren die etablierte Politik und ihre Mitspieler mit ähnlichen Scheuklappen.

Das selbe gilt für das Führungspersonal in der Wirtschaft: Selbst wenn sie direkt mit Mitarbeitern reden: Sie kennen die Menschen nur so gut, wie sie deren Personalakte kennen. Die haben sie aber selbst geschrieben! Und je größer der Betrieb, desto größer die Distanz. Ebenso wie Wähler im Gespräch mit Meinungsforschern, wird auch kein Mitarbeiter sein gesamtes Privat- und Seelenleben am Arbeitsplatz offenlegen, warum auch! Und so kommunizieren wir alle potenziell wie in einem Nebel: Unser Zielobjekt lässt sich nicht eindeutig identifizieren, mit all’ seinen Interessen, Hoffnungen und Sorgen, vielleicht sogar Ängsten.

Natürlich ist das im Prinzip immer so. Wann immer wir Menschen kommunizieren, können wir bestenfalls annehmen, in welcher emotionalen und faktischen Situation sich unser Zuhörer befindet. Und wie hat es der große US-amerikanische Thriller-Autor Tom Clancy formuliert: Annahmen sind die Mutter aller Fuck-Ups!

Aber für Führungskräfte in Politik und Wirtschaft ist dieses Fremd-Sein Teil des Systems. Der Staat und das Unternehmen sind zwar Teil des Lebens ihrer Bürger, beziehungsweise Mitarbeiter. Aber sie machen dieses Leben in der Regel nicht wesentlich aus. Die haben ihr eigenes Leben! Und sie haben auch ein Recht darauf.

Wähler denken sich ihren Teil. Sie sagen nicht alles, was sie denken. Auch, wenn sie sehr ausdrucksstark daher kommen, für sich vielleicht sogar beanspruchen, das Volk zu sein, halten sie Dinge zurück. Jeder von denen, die da Montags durch Dresden marschierten, hat seine eigene Agenda, die die anderen nicht kennen. Eine Agenda aus Emotionen – Ängste und Hoffnungen, Hass und Zuneigung, Einsamkeit und Zusammengehörigkeitsgefühl. Diese Emotionen lassen sich nicht einfach abfragen, ohne Empathie werden wir nicht von ihnen erfahren. Da reden die Politiker oft gerne von ‚den Menschen’, wie von einer fremden Spezies. Ausgerechnet immer dann, wenn sie für sich beanspruchen ‚die Menschen’ zu verstehen. Eine entlarvende Formulierung.

Menschen hören, was sie zu hören bereit sind. Sie hören, was sie hören wollen. Oder was sie befürchten. Unsere Botschaft trifft auf ihre Erwartungshaltung, wie ein Samenkorn auf den Boden: Es kann fruchtbare Erde treffen, oder auf einem Stein liegen bleiben und verdorren. Wettermoderatoren können ein Lied davon singen: Wer auf sonniges Wetter hofft, dem wird der Satz mit den „gelegentlichen Aufklarungen“ bereits ausreichen, um Hoffnung zu schöpfen. Wer auf Regen wartet, der wird im selben Wetterbericht auf die Aussage bauen, dass eine Tieffront über uns hinweg zieht, aus der es auch stellenweise regnen kann. Beide hören und sehen denselben Wetterbericht. Aber beide schöpfen diametral entgegen gesetzte Hoffnungen daraus. Deshalb sagen auch so viele, die Vorhersagen seien unzuverlässig, was sie nachweislich nicht sind.

Ähnlich ergeht es allen, die öffentlich reden: Je nach Interesse werden die einzelnen Adressaten unterschiedliche Worte auf ihre eigene, emotionale Goldwaage legen. Und so erscheint dem einen Wähler als unglaublicher und empörender Täuschungsversuch, was dem nächsten wie das ehrliche Bemühen um eine für ihn akzeptable Lösung vorkommt. So entstehen in unmittelbarer Nachbarschaft getrennte Wahrnehmungswelten.

Dieser Effekt wird noch verstärkt durch das Phänomen der sozialen Medien. Sie machen es jedem leicht, sich die Rationalisierung zu seinen Emotionen maßgeschneidert zusammen zu suchen. Den Rest des Informationsangebotes tut man dann als „Lügenpresse“ oder „Verschwörung“ ab. Fertig ist die individualisierte Ideologie. Das ist gefährlich für eine Demokratie. Und auch für jene, die in ihr Verantwortung tragen.

Führungskräfte – egal ob in der Politik oder in der Wirtschaft - die es nicht schaffen, wirkungsvoll zu kommunizieren, werden Bürger und Mitarbeiter nicht mitreißen. Sie werden an großen Zielen scheitern, weil sie nicht die Unterstützung bekommen, die sie benötigen. Und sie werden sich selber isolieren, bis sie völlig alleine dastehen. Das können wir uns als Gesellschaft nicht leisten. Politik muss wieder lernen, ihre Kunden, nämlich die Bürger, da zu packen, wo sie es auch spüren: Bei ihren Emotionen.

Dies ist kein Klugscheißer-Buch. Es geht nicht darum, wer was falsch gemacht hat. Darum sollte es – außer im Strafrecht – nie gehen. Es geht darum, was wir lernen können, oder lernen müssen. Unsere Welt verändert sich schnell, also müssen wir schnell lernen. Und es wäre dies das Buch eines törichten Autors, wäre es nur an die einigen Wenigen an der Spitze der politischen Verantwortung gerichtet. Wir alle kommunizieren. Wir alle wollen überzeugen. Wir alle wollen verstehen. Und wir leiden alle unter zielloser, nur Geräusche und Missverständnisse produzierender Kommunikation. Ob wir Verantwortung in der Gemeindeversammlung oder dem Vereinsvorstand übernommen haben, oder den ganzen Staat führen. Oder ein Unternehmen. Ob Lehrer oder Elternvertreter, Ratsherr oder ratsuchender Bürger. Wir müssen lernen, emotional wirksam zu kommunizieren. Und wir müssen dringend lernen, zu durchschauen, wie Kommunikation unsere emotionalen Auslöser betätigt und uns zu Äußerungen und Handlungen verleitet, die uns selbst und der Gesellschaft nicht gut tun.

Freunde im Netz: